Der 29-jährige Ex-Gladbacher trifft mit Aue im Pokal auf die Borussia
Für Borussia Mönchengladbach beginnt am kommenden Samstag mit dem DFB-Pokalspiel beim FC Erzgebirge Aue der Ernst des Lebens. Dabei wird es auch ein Wiedersehen mit René Klingbeil geben. Der heute 29-jährige spielte von 1998 bis 2003 für den VfL und schnürte dabei in 52 Oberligaspielen die Schuhe für die Amateure. Zu Profieinsätzen reichte es jedoch nicht und so verschlug es ihn in der Folgezeit über den Hamburger SV und Viking Stavanger ins Erzgebirge. Dennoch schaut er auf die Zeit in Mönchengladbach gerne zurück. Vor dem kommenden Aufeinandertreffen sprachen wir mit dem Defensiv-Allrounder über seine Zeit bei der Borussia sowie über das bevorstehende Pokalspiel.
Fohlen-hautnah: René, Sie kamen 1998 vom BFC Dynamo aus Berlin zur Borussia. Wie kam der Kontakt nach Gladbach damals zu Stande?
René Klingbeil: Hartmut Vogts war zu der damaligen Zeit Jugendkoordinator. Mit ihm ist damals der Kontakt entstanden. Wir hatten uns dann mit meinem Vater in Gladbach zum Essen getroffen und waren uns sehr schnell einig. Zuvor hatte man mich wohl mehrmals bei den Länderturnieren in der Sportschule Duisburg beobachtet. Dort hatte ich mit einer Auswahl Berlins gespielt. Dirk Heyne wollte mich damals unbedingt haben und so ging alles ganz schnell.
Fohlen-hautnah: Fortan lebten Sie dann im Jugendinternat der Borussia, das damals noch in der Stadt, unweit des Bökelbergs, beheimatet war…
René Klingbeil: Richtig. Ich habe dann im sogenannten Fohlenstall gelebt. Dort habe ich mir mit Sebastian Deisler ein Zimmer geteilt. Sebastian war so der prominenteste Spieler im Internat. Zu der Zeit hat er seine ersten Schritte bei der Borussia gemacht. Ansonsten hatte ich im Internat noch viel Kontakt mit Dexter Langen, Andrey Voronin und Jens Truckenbrod. Auch mit Lars Schuchardt habe ich viel gesprochen.
Mit Jens bin ich auch zusammen auf die Gesamtschule in Mönchengladbach-Hardt gegangen und habe mein Abitur gemacht. Ich habe erst vor kurzem noch eine Einladung zum 10-jährigen Klassentreffen im Dezember bekommen. Wenn das vom Termin her passt, werde ich dorthin gehen.
Fohlen-hautnah: In der A-Jugend waren Sie bereits im zweiten Jahr Kapitän. Zudem haben Sie es auf drei Spiele in der U18-Nationalmannschaft gebracht. Warum hat es dennoch nicht zu einem Einsatz im Profiteam gereicht bzw. an wem sind Sie damals nicht vorbei gekommen?
René Klingbeil: Es ist schwer zu sagen, woran das gelegen hat. Ich habe zwei Jahre bei Dirk Heyne in der A-Jugend gespielt. Es ging zu der Zeit rapide nach oben. Ich habe bereits im ersten Jahr jedes Spiel gemacht und war im zweiten Jahr Kapitän. Dann kamen die Spiele mit der U18-Nationalmannschaft und in der U23 der Borussia. Ich war, so glaube ich, damals auch der einzige A-Jugendliche, der einen Profivertrag bekommen hat.
Gladbach hat mich dann mit einem Dreijahresvertrag als Profi ausgestattet und mir absolutes Vertrauen geschenkt. Es ging dann für mich ein wenig schwierig los. Mein Großvater verstarb genau in der Zeit. Dann bin ich, soweit ich mich erinnern kann, sogar zu spät zum Auftakttraining der Profis erschienen.
Dann war es zudem auch nicht so einfach. Ich war jung, kam aus der A-Jugend und hatte es dann mit vielen gestandenen Spielern zu tun. Das ist schon ein Schritt, den du vom Jugend- in den Männerbereich machst. Du hast dann ja auch einen gewissen Erfolgsdruck. Vielleicht habe ich dann auch etwas länger gebraucht. Bei dem einen geht es schneller, bei dem anderen eben nicht so schnell. Ich habe dann sechs Wochen unter Hans Meyer bei den Profis trainiert.
Dann wurde ich zur U23 geschickt, um erst mal im Seniorenbereich Spielpraxis Erfahrungen zu sammeln. Es hat sich dann irgendwie mehr oder weniger verlaufen. Man war unten bei den Amateuren, hat zwar oben mal mittrainiert und kam auch bei Testspielen zum Einsatz, aber die drei Jahre zogen sich dann wie Kaugummi.
Es eigentlich nie so die Chance da, richtig oben reinzurutschen. Das war eine lange Zeit. Ich kam nicht voran und so wollte ich nach drei Jahren auch weg, obwohl mich Holger Fach noch ein Jahr bei der U23 halten wollte. Ich wollte dann auch einen Tapetenwechsel. Der Wechsel zum Hamburger SV war dann für mich genau der richtige Schritt.
Fohlen-hautnah: Im Jahr 2003 machten Sie dann den Schritt zum Hamburger SV. Dort lief es dann bedeutend besser bzw. es kam unter Thomas Doll wohl der endgültige Durchbruch…
René Klingbeil: Absolut. Da kam dann der Schub. Ich habe beim HSV zunächst auch in der zweiten Mannschaft gespielt. Dann war ich unter Klaus Toppmöller zweimal im Bundesligakader. Wo Thomas Doll dann Cheftrainer wurde, hat er mich mit zu den Profis genommen. Dann kam eigentlich der richtige Durchbruch.
Fohlen-hautnah: Über den Hamburger SV und Viking Stavanger führte ihr Weg vor zwei Jahren zum FC Erzgebirge Aue. Sie haben also in den letzten sieben Jahren viel erlebt. Wie schauen Sie gerade auch auf die Zeit bei der Borussia zurück und was haben Sie aus Gladbach mit auf den Karriereweg genommen?
René Klingbeil: Wenn ich an Gladbach denke, dann sind da für mich nur schöne Erinnerungen. Ich hatte bei der Borussia eine sehr schöne Zeit. Die Jugendarbeit bei der Borussia ist sehr gut und für uns wurde damals alles Mögliche getan. Man musste sich zwar bereits in jungen Jahren durchbeißen, aber du bekamst dabei natürlich Hilfestellung. Dadurch lernt man natürlich auch, wie man sich als Profi verhalten muss, um nach oben zu kommen. Das habe ich in Gladbach gelernt.
Also ich habe dort eine sehr, sehr gute Ausbildung genossen und sehe das so als meine Lehrjahre. In der A-Jugend hatte ich Dirk Heyne, dann Norbert Meier, Holger Fach und Hans Meyer. Das waren schon sehr gute Trainer, von denen ich viel gelernt und mit auf den weiteren Weg genommen habe. Darüber bin ich sehr froh. Zudem herrschten auch damals in Gladbach gute Bedingungen.
Man kann sagen, dass ich dort so ein bisschen meine Lehrzeit abgeschlossen, aber leider erst woanders den Durchbruch geschafft habe. Ich hätte mich natürlich gefreut, wenn das bei Borussia der Fall gewesen wäre, aber manchmal musst du eben auch mal einen Tapetenwechsel machen und schaffst es dann woanders. Es kann keiner so richtig erklären. Das und so ist das Geschäft.
Fohlen-hautnah: Haben Sie noch Kontakt zur Borussia oder zur Stadt?
René Klingbeil: Zur Borussia zwar direkt nicht mehr, aber im Leben sieht man sich immer zweimal und im Fußballerleben dreimal. So trifft man immer mal Spieler, gegen die man spielt oder trifft. Gegen Sebastian Deisler habe ich dann später gespielt. Auf Andy Spann, der in Heidenheim und Jens Truckenbrod, der jetzt in Dresden spielt, bin ich dann in der 3.Liga getroffen.
Also so triffst du immer mal Spieler, mit denen du mal zusammengespielt hast, und triffst auf sie. So bleibst du in Kontakt. Zudem telefoniert man auch das ein oder andere Mal. Da fällt dann mit Sicherheit auch mal das ein oder andere Wort über die Zeit in Gladbach.
Fohlen-hautnah: Haben Sie die Borussia denn noch im Auge und wie sehen Sie die Entwicklung im Verein?
René Klingbeil: Wenn man fünf Jahre bei einem Club war, dann schaut man auf jeden Fall, was dieser macht. Das ist automatisch und geht gar nicht anders. Jeder Verein macht eine Entwicklung durch. Ich habe mir damals noch die Spiele am Bökelberg, den ich sehr gemocht habe, angeschaut.
Im Borussia-Park habe ich auch zweimal mit dem HSV gespielt. Beide Stadien haben ihr Flair. Das neue Stadion ist schon eine beeindruckende Arena. Borussia ist erstklassig, also macht der Verein alles richtig. Man kann das, so denke ich, alles sehr positiv beobachten. Es herrscht Kontinuität und der Verein ist stabil.
Fohlen-hautnah: Nach vier Jahren Hamburg ging es ablösefrei nach Norwegen zu Viking Stavanger, wo Sie es jedoch lediglich ein Jahr hielt…
René Klingbeil: Richtig. Diesen Schritt ins Ausland wollte ich auch eigentlich vermeiden. Damals kam Huub Stevens zum HSV. Dann muss man sich nur mal die damalige Kaderliste anschauen. Da darf man nicht vergessen, was ich damals für eine Konkurrenz hatte. Es gab ja nahezu kein Spieler, der nicht Nationalspieler war. Das war schon Qualität.
So musste ich ins Ausland, weil es zudem Zeitpunkt auch schwer war, einen Verein zu finden. Ich musste den Weg über das Ausland nehmen, um dann wieder nach Deutschland zurückzukehren. Es war ein kleiner Umweg, aber auf der anderen Seite war es eine gute Erfahrung.
Fohlen-hautnah: Was hat Ihnen dann das Jahr in Norwegen mit auf den Weg gegeben?
René Klingbeil: Das war eine gute und interessante Erfahrung. Im Ausland lernst du viele Dinge, die dich weiterbringen. Du bist eben auch mal der Ausländer und musst dich zurecht finden. Anderes Land, andere Kultur, andere Liga, andere Stadt und eine andere Sprache. Da musst du dich dann durchsetzten. Mit der Verständigung ging es, da die Zweitsprache Englisch ist.
Ich hatte dort großen Erfolg. Ich bin dort im Winter zur Rückrunde nach Stavanger gewechselt. Am Ende sind wir Dritter geworden, was die beste Platzierung seit Jahren war. Dadurch haben wir die Qualifikation für den UEFA-Cup gespielt. Ich wollte mit der Familie aber nach einem Jahr wieder zurück nach Deutschland. Dann ergab sich die Möglichkeit, zum FC Erzgebirge Aue zu wechseln. Das war, wie sich heute herausgestellt hat, auch eine richtige Entscheidung.
Fohlen-hautnah: Wie kam es dann zu dem Wechsel von der 1.Liga in Norwegen in die 3.Liga Deutschlands ins Erzgebirge?
René Klingbeil: Es ist leider so, dass der norwegische Fußball in Deutschland nicht so sehr im Fokus steht. Man erfährt in Deutschland nicht so viel darüber. Dann war es recht schwer, in Deutschland einen Verein zu finden. Mit Aue kam der Kontakt dann relativ schnell zustande.
Sie wollten mich unbedingt und der Verein stand und steht hinter mir, was ich persönlich auch brauche. Dann habe ich den Schritt in die 3.Liga gemacht, weil der Verein eben auch die Perspektive hatte, in die 2.Liga aufzusteigen. So ist es ja dann auch im letzten Jahr gekommen und ich bin sehr froh darüber.
Fohlen-hautnah: Ein ausschlaggebender Punkt für den Aufstieg war sicherlich die Heimstärke, denn Aue hat in der abgelaufenen Saison lediglich ein Heimspiel verloren…
René Klingbeil: Die Heimstärke war sicherlich auch ausschlaggebend für den Aufstieg, aber am Ende haben wir einfach auch den längeren Atem gehabt. Es gab ja zum Saisonende viele Spielausfälle und so hatten wir fünf oder sechs ‚englische Wochen‘ am Stück.
Das war schon ein herbes Programm, was wir da durchgezogen haben. Das war eigentlich gar nicht schaffbar, aber da sind wir als Mannschaft eng zusammengerückt, haben das klasse über die Bühne gebracht und sind am Ende auch verdient aufgestiegen. Es hat da alles gepasst.
Fohlen-hautnah: Im Umkehrschluss wird in der neuen Saison zunächst das Primärziel Klassenerhalt auf der Agenda stehen...
René Klingbeil: Ja, das ist unsere Aufgabe. Wir haben ein Ziel und das ist die Klasse zu halten. Da brauchen wir uns zunächst auch auf gar nichs Anderes zu konzentrieren. Wenn wir das schaffen, dann ist das für uns ein riesen Erfolg. Wir arbeiten sehr hart und haben die Qualität, das zu schaffen. Da bin ich sehr zuversichtlich.
Fohlen-hautnah: Dazu mal eine nette Randgeschichte. Nach der Aufstiegsparty wurde durch ihre Spieler Marc Hensel und Martin Männel der ‚Holzmichl‘, eine mannshohe Holzfigur, in einem Schuppen neben dem Erzgebirgstadion hervorgeholt. Dieser fungierte bereits in der Zeit, als Aue erstmalig in der 2.Bundesliga spielte, als eine Art Glücksbringer. In der kommenden Saison soll er das wieder tun. Auch am kommenden Samstag…?
René Klingbeil: (lacht). Ja, das stimmt. Ich habe das im Fernsehen gesehen und bin gespannt, ob er wieder aufgestellt wird. Das weiß ich selber noch nicht so richtig. Da muss und werde ich mich auch überraschen lassen.
Fohlen-hautnah: Nun kommt es am kommenden Samstag im DFB-Pokal auf das Aufeinandertreffen zwischen ihrem aktuellen Verein FC Erzgebirge Aue und Borussia Mönchengladbach. Für Sie mit Sicherheit ein besonderes Spiel, auf das Sie sich freuen…
René Klingbeil: Da freue ich mich sehr drauf. Pokalspiele sind sowieso immer schön und wenn es dann noch in unserem Stadion gegen Gladbach ist, dann ist das wirklich eine tolle Sache.
Fohlen-hautnah: Welche Chancen rechnen Sie sich aus, als Sieger den Platz zu verlassen?
René Klingbeil: Gladbach ist der Erst- und wir sind der Zweitligist. Borussia ist gut drauf, was man auch an den Ergebnissen in der Vorbereitung sieht. Wir haben nichts zu verlieren und werden es Borussia natürlich so schwer wie möglich machen. Wie gesagt, ich freue mich riesig auf das Spiel. Wir haben jetzt eine lange und schwere Vorbereitung hinter uns. Im ersten Pflichtspiel der Saison kann man nun gegen Borussia Mönchengladbach spielen. Was Schöneres gibt es doch gar nicht.
Fohlen-hautnah: Auf was muss sich die Borussia am Samstagabend im Erzgebirgstadion einstellen…?
René Klingbeil: Auf eine Menge Widerstand, denn wir wollen unsere Festung Erzgebirgstadion nicht so einfach hergeben. Wie schon gesagt, wir sind der Underdog und haben nichts zu verlieren. Wir werden kämpfen, dagegen halten und alles in die Waagschale werfen, um zu bestehen. Ich denke und hoffe auch für die Fans, dass es ein heißer Tanz wird.





