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HomeAbseitsSaison 2011/2012Eine fußballerische Reise in die Vergangenheit

Eine fußballerische Reise in die Vergangenheit

Zu Besuch im EM-Gastgeberland Polen

Mal wieder Länderspielpause in der Fußball-Bundesliga. Reichlich Zeit also, um die Zeit ohne Borussia Mönchengladbach zu überbrücken und um eines der beiden Gastgeberländer der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine kennen zu lernen, denn die Deutsche Nationalmannschaft bestritt bekanntlich am vergangenen Dienstag ein Testspiel im benachbarten Polen – es gibt viel zu erleben in einem der Gastgeberländer der EM 2012. Eine 4207 km lange fußballerische und kulturelle Reise in die Vergangenheit.

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Besuch des Länderspiels Polen - Deutschland in Danzig. Foto: Henning Gillessen, für Fohlen-Hautnah.de

Da der DFB auf seiner Homepage frühzeitig die polnische Hauptstadt Warschau als Austragungsort bekannt gab, wurden schnell die Flüge gebucht und das Hotel reserviert. Leider waren die Polen aber nicht in der Lage, das neue Nationalstadion fertigzustellen. Naja, wahrscheinlich sind alle halbwegs fähigen polnischen Bauarbeiter gerade irgendwo auf deutschen Baustellen im Einsatz.

Aus diesem Grund wurde in die rund 350 km nördlich gelegene Hafenstadt Danzig ausgewichen, was unsere Torplanung natürlich ein wenig über den Haufen warf, aber als Profis im Touren planen wurde dieses Problem auch noch mehr oder minder erfolgreich gelöst, aber dazu später mehr.

Start der Reise war mal wieder der Flughafen von Charleroi, rund 260 KM von Ratingen entfernt. Sonntagmittag ging es dann los, leider konnte ich so das Spiel unserer Zweiten Mannschaft gegen Rot-Weiß Essen nicht mehr sehen, wurde aber noch rechtzeitig vor Abflug per SMS über den erfreulichen 4:1 Sieg informiert. Unterwegs wurde noch schnell Henning/Selfkant aufgegabelt, denn man reist ja nicht gerne allein.

Mit einem kleinen Umweg ging es dann via Maastricht weiter in Richtung Belgien. Leider waren die Holländer der Meinung, die Hauptstraße durch Maastricht mal eben von drei Spuren auf eine zu verengen, sodass sich ein Kilometer langer Stau bildete, welcher uns eine Stunde unserer wertvollen Zeit kostete. So viel das kostenlose Parken im kleinen Örtchen Heppignies nahe des Flughafens leider aus, denn von hier aus ist es noch eine halbe Stunde Fußweg bis zum Terminal und wir mussten den unverschämt teuren Flughafenparkplatz nutzen.

Pünktlich hob unser Ryanair-Flieger (29 EUR p. P.) Richtung Krakau, unserem ersten Etappenziel, ab. Vom Krakauer Flughafen fährt ein kleiner Bummelzug im 30-Minuten-Takt Richtung Hauptbahnhof. Das Ticket gab es für 10 Zloty (1 EUR = 3,8 PZL). Angekommen am Krakauer Hauptbahnhof war ich doch ein wenig schockiert. Der Bahnhof war samt Vorplatz und angrenzendem Park total sauber und geräumig.

Krakau ist die Hauptstadt der „Województwo Małopolskie" auf Deutsch „Woiwodschaft Kleinpolen", eine von 16 Woiwodschaften, vergleichbar in Deutschland mit den Bundesländern und mit knapp über 756.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Polens.

Abgestiegen wurde im ‚Tutti Frutti'- Hostel in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs für 40 PZL im Achterzimmer. Eigentlich nicht mein Ding, aber für eine Nacht tut es das Hostel allemal. Als der Papierkram erledigt und das Gepäck verstaut war, ging es ab in die Stadt wo Henning erst mal seinen MC Donalds-Länderpunkt machen musste. Anschließend wurde sich ein Biergarten in der wunderschönen Krakauer Altstadt gesucht, bei Preisen von 8 PZL für den halben Liter ‚Piwo' kann man echt nicht meckern.

Bei sommerlichen Temperaturen um die 23 Grad lies es sich auch noch am späten Abend im Freien aushalten und die leichtbekleideten polnischen Schönheiten waren wirklich vom Feinsten. Da wird Polen langsam zum ernsten Konkurrenten für das bislang unangefochten auf Platz 1 liegende Schweden... Gegen 0:30 Uhr ging es dann auch zu Bett, denn schließlich musste man ja am nächsten morgen schon wieder früh raus. Es stand ja noch ein wenig Kultur auf dem Programm, ehe dann am Dienstag endlich der Ball rollen sollte.

Montagmorgen ging es dann in aller Frühe weiter Richtung Auschwitz, wo das ehemalige Konzentrationslager, das in drei Komplexe unterteilt ist und das seit 2007 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, besichtigt werden sollte. Für 11 PZL p. P. wurde dann mit der polnischen Bimmelbahn die knapp 68 Kilometer lange Strecke bewältigt, was immerhin fast zwei Stunden dauerte.

Angekommen am Bahnhof wurde zuerst das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, das sich ca. zwei Kilometer vom Bahnhof befindet, und die sogenannte „Judenrampe", an welcher früher die Güterzüge mit den Gefangenen ankamen, besichtigt.

Anschließend ging es weiter zum Stammlager „Auschwitz I", welches als Verwaltungszentrum des damaligen Lagerkomplexes diente. Leider konnte man hier nicht so einfach rein und sich frei bewegen wie in „Auschwitz II", denn man muss an Führungen teilnehmen, die man für 40 Zloty buchen konnte.

Da die Zeit aber knapp bemessen war und der Flieger nach Warschau wartete, mussten wir improvisieren, denn Henning wollte unbedingt ein Foto von der berühmten Inschrift „Arbeit macht frei" haben. Also einmal kurz um den Komplex geschlichen und schon wurde ein offenes Tor entdeckt, das nur als Ausgang diente und wo der Zutritt verboten war. Das störte Henning aber nicht, schließlich konnte er so von außen unbemerkt sein heißbegehrtes Foto bekommen.

Keine fünf Minuten später war er wieder da und hatte alles im Kasten. Na also, Pflichtprogramm erfüllt und weiter ging es Richtung Bahnhof, denn schließlich hatten wir ja noch ein bisschen Zugfahrt vor uns, bevor wir in Krakau unseren Flieger Richtung Warschau ‚entern' konnten.

Vom Krakauer Bahnhof verkehrt in regelmäßigen Abstand ein Shuttle-Bus, der einen für 23 PZL zum ziemlich weit außerhalb gelegenen Krakauer Flughafen bringt. Mit einer Maschine der Fluglinie LOT vom Typ Alenia ATR42, einer zweimotorigen Propellermaschine mit einer Spannweite von gerade mal 26 Metern und zugelassen für 42 Passagiere, die mich irgendwie an die alten Maschinen aus den Indiana Jones Filmen erinnert, ging es dann weiter Richtung polnische Hauptstadt.

Der Flug war bis auf das Motorendrönen, wirklich angenehm und es wurden sogar Getränke (leider kein Piwo) und was zu knabbern serviert. Knappe 45 Minuten später erreichten wir dann den Frederic Chopin Flughafen. Bei einem Flugpreis von 12 EUR pro Person gibt es da echt nichts auszusetzten, und LOT klettert auf meiner Beliebtheitsskala für Fluglinien ziemlich weit nach oben.

Am Airport angekommen, ging es mit dem Bus (Linie 175, 3,60 PZL) Richtung Stadtzentrum, wo man leider ziemlich verloren umherirrte. Henning, der die Reiseroute ansonsten vorbildlich geplant hat, hatte vergessen, den Weg vom Bahnhof zum Hotel auszudrucken. Wenn man nicht alles selber macht... Also waren wir leider auf einen der zahlreichen Taxifahrer (A.T.A.B.) angewiesen und erreichten etwa zehn Minuten später und um 40 PZL ärmer unser Hotel (50 EUR p. P. für zwei Nächte), wo es nach Check-in und heißer Dusche ab in die City ging, um sich noch ein paar Bierchen vor dem Schlafenehen zu genehmigen.

Dienstagmorgen war dann endlich Spieltag und es galt die Strecke von Warschau Richtung Danzig zu bewältigen. Hierfür hatten wir uns wieder mal die polnische Bahn ausgesucht und es ging für 40 EUR (Hin- und Rückfahrt, die Fahrkarte wurde vorsichtshalber übers Internet gebucht) Richtung baltisches Meer.

Daniel und Voßi (beide Meppen) komplettierten unsere Reisegruppe. Für die rund 344 Kilometer brauchte der Schnellzug, der diesen Begriff beim besten Willen nicht verdient, ganze 7 ½ Stunden. Gott sei Dank hatten wir uns am Morgen im nahegelegenen Supermarkt noch mit reichlich Piwo eingedeckt (2,95 PZL der halbe Liter). Und so wurde sich ganz entspannt auf den Weg gemacht.

Während der Fahrt konnte man dann auch die wirklich schöne Landschaft genießen und alle möglichen Neuigkeiten austauschen. Das einzige Nervige war, das während der Fahrt insgesamt dreimal die Lokomotive ausgetauscht wurde, was einiges an Zeit kostete. Angekommen am Danziger Hauptbahnhof blieb leider keine Zeit mehr, um die historische Altstadt oder die Seenplatte zu besichtigen. Und es musste wieder ein Taxi her, um zum Stadion, das mitten in der ‚Pampa' liegt, zu gelangen.

Es gibt zwar eine Straßenbahnlinie bis zum Stadion, diese befindet sich allerdings noch im Bau, soll aber bis zur Europameisterschaft in Rund einem Jahr fertiggestellt sein. Die „Baltic-Arena", die mittlerweile einen anderen Sponsorenamen bekommen hat, soll in Zukunft Platz für rund 44.000 Zuschauer bieten und wird die neue Spielstätte vom polnischen Erstligisten Lechia Gdánsk sein. Von außen erinnert sie ein wenig an die Münchener Allianz-Arena, allerdings erstrahlt sie in Bernsteinfarben und nicht in einem Rot oder wie auf den Fotomontagen einiger Facebook-User nach unserem Auswärtssieg gegen die Bayern in einem leuchtenden Grün.

Die Einlasskontrollen waren ziemlich lasch. Das Einzige was genau überprüft wurde war, ob der Name der auf dem Voucher stand, (der DFB hat mal wieder keine Tickets rausgerückt, stattdessen aber satte 8 Euro Bearbeitungsgebühr kassiert) und ob der Personalausweis übereinstimmte.

Im Stadion so wie im gesamten Umfeld gab es leider kein Bier, aber dafür reichlich andere Verpflegung für relativ kleines Geld. Trotzdem ein schwacher Trost, Bier und Fußball gehören einfach zusammen. Gerade einmal 467 Deutsche Zuschauer hatten sich in das weite Rund verirrt, was wohl dem Ticketwahn des DFB und Panikmache durch die Medien zu verdanken ist, aber auch die Grenzkontrollen sollen so wie ich gehört habe ziemlich ordentlich gewesen sein. Und auch ein bekanntes Gesicht der Gladbacher Fanszene verbrachte das Spiel ungewollter weise im PG.

Zum Spiel brauche ich nicht viel zu sagen, die Deutsche Elf hatte einen ihrer schwächeren Auftritte und unser ‚Polensturm' versemmelte zahlreiche Chancen. Unser Marco hätte so einem Spiel sicherlich gut getan, aber er musste ja leider verletzungsbedingt absagen. Echt eine Seuche sowas - da wird man fünf mal für die Deutsche Elf berufen, muss viermal wegen Verletzung oder Krankheit absagen und sitzt gegen die Kicker vom Zuckerhut 90 Minuten auf der Bank. Na hoffentlich klappt es mit dem Länderspieldebüt dann in knapp einem Monat in der Türkei - ich drücke die Daumen, Marco.

Polen ging durch den Dortmunder Robert Lewandowski verdient mit 1:0 in Führung. Naja, besser er trifft bei so einem Spiel als im nächsten Ligaspiel gegen uns. Thomas Müller konnte in der 68. Minute per Strafstoß den 1:1 Ausgleich erzielen. Kurze Zeit später hieß es dann aber für uns auch schon Fahnen abhängen und ab zum nächsten Taxistand, denn schließlich musste der Nachtzug nach Warschau erwischt werden, welcher allerdings 30 Minuten Verspätung hatte. Na toll, da hätten wir das Spiel auch noch zu Ende schauen können.

So entgingen uns die 2:1-Führung der Polen kurz vor Schluss und der Last-Minute-Ausgleich durch Cacau in der Nachspielzeit. Während wir noch am Bahnhof warteten, fuhren schon einige Polen hupend in Autocorsos durch die Innenstadt. Tja da hat wohl jemand das Spiel nicht ganz zu Ende geschaut und wie sagte schon Sepp Herberger: „Ein Spiel dauert 90 Minuten"...

Im Zug wurde sich dann ein ruhiges Abteil gesucht um die lange Zugfahrt Richtung Warschau einigermaßen gut rumzubekommen. Und während meine Mitfahrer relativ schnell einschliefen war ich noch lange wach. Ein Gute-Nacht-Piwo wäre nicht verkehrt gewesen, aber an polnischen Bahnhöfen bekommt man unverschämter weise nirgendwo Bier zu kaufen und auch auf einigen öffentlichen Plätzen der großen polnischen Städte ist der Konsum von Alkohol mittlerweile streng verboten. So schlug ich mir die Nacht mehr oder weniger dösend um die Ohren. Aber irgendwann ging auch diese Zugfahrt zu Ende und ja, die Lok wurde wieder mindestens einmal gewechselt.

Gegen 7 Uhr in der Früh erreichten wir dann wieder Warschau, wo wir uns von Daniel und Voßi verabschiedeten und uns zu Fuß auf den Weg Richtung Hotel machten. Mittlerweile kannten wir ja den Weg und die frische Morgenluft tat uns sehr gut. Im Hotel wurde dann noch schnell geduscht und das Frühstück, was wir uns unterwegs an der Tankstelle besorgten verzehrt, bevor wir dann noch mal ein wenig Kultur auf dem Programm stehen hatten.

Für 40 PZL wurde eine knapp zweistündige Stadtrundfahrt durch die polnische Hauptstadt gemacht. Hierbei führte es uns an etlichen historischen Bauwerken vorbei. Und auch das ehemalige Warschauer Ghetto und die schöne Altstadt, von wo aus man auch das Nationalstadion sehen konnte, standen auf dem Programm. Diese 40 Zloty waren wirklich gut angelegt. Anschließend ging es dann wieder mit dem Bus Richtung Airport wo die letzten Zloty in polnische Süßigkeiten investiert wurden. Dann galt es noch eine geraume Zeit bis zum Abflug am Airport zu verbringen.

Zurück in Brüssel musste noch die unverschämt teure Parkgebühr von 64 Euro gezahlt werden. Naja, wir überlegen noch, ob wir diese dem Bürgermeister von Maastricht in Rechnung stellen sollen, denn schließlich kostete uns der Parkplatz mehr als die drei Flüge zusammen... Henning wurde noch schnell zu Hause in Selfkant abgesetzt und gegen Mitternacht war auch ich dann endlich wieder in der Heimat. Juhu, noch 5,5 Stunden schlafen, ehe ich wieder zur Arbeit durfte.

Mein Fazit: Die Tour hat sich echt gelohnt und die Infrastruktur in Polen ist auch fast schon EM tauglich und nicht so schlecht, wie die letztes Jahr in Südafrika. Es sei denn, man ist wie Kollege ‚Pumuckl' mit dem Mietwagen unterwegs und muss stundenlang über irgendwelche polnische Landstraßen ‚gurken'. Aber als erfahrener ‚Polen-Hopper' weiß man ja, wie man voran kommt. Es wird also nicht mein letzter Besuch in Polen gewesen sein ...

Den nächsten Reisebericht gibt es dann in gut einem Monat, wenn das EM-Qualifikationsspiel Deutschland - Türkei in Istanbul ansteht. Bis dahin heißt es aber erst einmal: „Nur der VAU-EFF-ELL“!

Hier noch eine Kilometerstatistik:

Ratingen - Selfkant 96 KM
Selfkant - Charleroi 153 KM
Charleroi - Krakau 1300 KM
Krakau - Auschwitz 68 KM
Auschwitz - Kattowitz 35 KM
Kattowitz - Warschau 289 KM
Warschau - Danzig 344 KM
Danzig - Warschau 344 KM
Warschau - Charleroi 1329 KM
Charleroi - Selfkant 153 KM
Selfkant - Ratingen 96 KM

Macht unter dem Strich mal eben 4207 KM in vier Tagen.


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