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Michael Frontzeck: »Das wird eine knüppelharte Rückrunde«

Borussias Trainer stand bei Radio 90,1 Rede und Antwort

Jeden Mittwoch ist beim Mönchengladbacher Radiosender 90,1 Zeit für die Sendung ‚Borussia hautnah‘. Gestern begrüßte Moderatorin Petra Koch in der letzten Sendung vor der Winterpause Borussias Trainer Michael Frontzeck. In den 60-Minuten sprach der 46-Jährige unter Anderem über das bisherige Abschneiden seiner Mannschaft und über das kommende Heimspiel gegen den Hamburger SV. Fohlen-Hautnah hat das Gespräch zusammengefasst.

Petra Koch: Michael, wollen wir gleich anfangen. Wir haben es heute nochmal auf der Pressekonferenz gehört - kein Ultimatum, kein Endspiel. Damit bestreitet Borussia ja fast neue Wege, wenn man wirklich an Kontinuität festhält.

Michael Frontzeck: Es ist denke ich allen bewusst, dass es für alle Beteiligten ein sehr, sehr wichtiges Spiel ist. Wir wollen den Anschluss halten und uns an diesen Szenarien, die rund um den Club gestrickt werden, nicht beteiligen. Wir sollten das machen, wovon wir überzeugt sind. Meine Aufgabe ist natürlich in erster Linie, auf den HSV zu schauen und auf ein sehr wichtiges und intensives Spiel in zwei Tagen zu Hause in Gladbach, wo wir natürlich die leidgeprüften Zuschauer dann auch mit drei Punkten entlassen wollen.

Wir haben letztes Jahr zu Hause sehr gute Spiele gemacht und mit 29 Punkten viele Punkte geholt. Dieses Jahr hat es in der Hinrunde noch zu keinem Heimsieg gereicht. Das ist natürlich bitter, das weiß ich. Die Zuschauer haben sich phantastisch verhalten und trotz allem bis zum letzten Unterstützung gegeben - bei allen Unmutsäußerungen, die auch so nach dem Spiel kommen und verständlich sind. Sie haben die Mannschaft immer unterstützt und ich hoffe, dass das am Freitagabend auch so ist, weil wir natürlich eine Reihe von wirklich jungen Spielern auf dem Platz haben werden.

Petra Koch: Um trotzdem noch mal darauf zurück zu kommen. Es hat Trainer in der Saison gegeben, die schon früher rausgeflogen sind. Der Trainer ist ja immer das schwächste Glied, sagt man. Diesmal geht man den anderen Weg, weil man von der Gesamtphilosophie, die ihr das aufgebaut habt, überzeugt ist…?

Michael Frontzeck: Ein Club sollte immer eine Philosophie haben und die dann ausleben. Ich denke, dass das in den letzten zehn, zwölf Jahren in Gladbach auch schon anders gelaufen ist. Es waren zu Beginn viele Skeptiker da. Unter dem Strich haben wir, wie ich eben schon sagte, im letzten Jahr eigentlich eine positive Saison hingelegt. Wenn mir in der Hinrunde der gesamte Kader zur Verfügung gestanden hätte und wir dann da stehen würden, wo wir jetzt stehen, dann bin ich natürlich in Erklärungsnot - das ist klar.

Es ist ganz einfach so - und das sind keine Entschuldigungen, sondern Fakten, dass es uns personell in einer unglaublichen Art getroffen hat. Das kann man mal über Wochen, aber nicht über eine gesamte Hinrunde auffangen. Deshalb hängen wir sechs, sieben Punkte hinter dem, was wir uns eigentlich vorgestellt haben.

Wenn wir Anfang Januar zusammenkommen, ich halbwegs alle Leute an Bord habe und wir die eine oder andere Verstärkung noch dazu holen, dann bin ich sehr optimistisch, dass wir in der Lage sind, es in der Rückrunde so anzupacken, dass wir die Klasse halten werden.

Petra Koch: Stichwort Verstärkungen. Seit gestern habt ihr es auch nach außen gesagt, dass im Winter im Defensivbereich noch was her soll. Von wie vielen sprechen wir denn da?

Michael Frontzeck: Nicht fünf oder sechs, sondern es soll ganz gezielt passieren. Ich habe immer gesagt, dass es mir reicht, wenn mir mein Kader zur Verfügung steht, so wie er geplant war. Beim Spiel gegen den HSV wird es auf neun, zehn Spieler hinauslaufen, die nicht zur Verfügung stehen. Du musst eigentlich immer davon ausgehen, dass du zwei, drei Verletzte hast, aber nicht in der Art und Weise, wie es uns getroffen hat.

Nichtsdestotrotz ist es natürlich so, dass jetzt auch viele junge Spieler aufs Feld müssen, die eigentlich ran geführt werden müssen und aufgrund der Situation jetzt plötzlich im Feuer stehen und da ihren Mann stehen müssen. Da wollen wir uns gezielt verstärken, aber nicht im Sinne von Aktionismus, sondern wirklich ganz gezielt Spieler holen, die uns dann weiterhelfen.

Petra Koch: Auch Spieler, die man eventuell auch ausleiht?

Michael Frontzeck: Da ist alles möglich. Ich bin kein Freund davon, groß im Winter einzukaufen. Ich denke, das war vor der Saison auch nicht geplant, aber so wie die Saison verlaufen ist, muss man reagieren - gerade, was die Defensive angeht. Wenn ich sehe, dass am Freitag mit Tobias Levels, mit Dante und mit Roel Brouwers drei von vier Spielern ausfallen, die in der Viererabwehrkette spielen, dann ist es natürlich so, dass man ja auch nicht weiß, ob Dante und Roel Brouwers im Januar direkt wieder zu 100 Prozent fit sind und Mitte/Ende Januar wieder zur Verfügung stehen. Davon bin ich überzeugt, aber eine Gewissheit hat man nicht und da müssen wir uns natürlich absichern.

Petra Koch: Kleine Stellenbeschreibung - soll es etwas Erfahrenes sein?

Michael Frontzeck: Keine Stellenbeschreibung hier. Das werden wir intern lösen.

Petra Koch: Jüngere habt ihr ja genug…

Michael Frontzeck: Ja. Aber sie sollten auch in einem Alter sein, wo sie noch laufen können.

Petra Koch: Ja, das wäre schön. Du hast es gerade gesagt. Viele Veränderungen im Team durch Verletzungen, aber auch zum Teil durch Sperren. Das verhindert eben eine Stabilität und auch sicherlich Automatismen, die sich bilden müssen. Ist das der einzige Grund?

Michael Frontzeck: Es ist der Hauptgrund. Als positives Beispiel kann man da sicherlich Borussia Dortmund nehmen, die bei aller Qualität, die der Kader hat, auch so vom ersten Spieltag an gespielt haben, wie sie heute spielen. Sie haben kaum Verletzungsprobleme. Wenn man sieht, wie selbstverständlich da vieles läuft, dann haben wir das im letzten Jahr auch teilweise so gemacht - natürlich auf einem anderen Niveau.

Das eine Mannschaft ab dem 10. Spieltag fast bis zum Schluss durchgespielt hat. Vielleicht mal mit der einen oder anderen Änderung, aber im Großen und Ganzen war das eine Mannschaft, die über einen ganz langen Zeitraum zusammengespielt hat. Ich denke das, was in Bewegung ist, ist grundsätzlich mal schwer zu stabilisieren und da du immer wieder aus der Not heraus zu Veränderungen gezwungen bist, ist es natürlich schwer, dann auch eine Kompaktheit und eine Stabilität in die Mannschaft reinzukriegen.

Es ist jetzt nicht so, dass es nur Pech ist. Das ist auch Eigenverschulden. Also wir haben auch Sperren, die vollkommen unnötig waren und die uns sehr geschadet haben. Aber im Großen und Ganzen waren das zwei Dinge, die in der Hinrunde passiert sind. Wir hatten dann noch aus Foulspielen zwei gelbrote Karten und eine rote Karte gekriegt. Diese Situation wirst du immer und bei jedem Club finden. Ansonsten bezieht sich das halt in erster Linie wirklich auf Verletzungen.

Petra Koch: Max Eberl hat in der Pressekonferenz mal angesprochen, dass es auch was mit Qualität zu tun haben könnte. Siehst du das auch so?

Michael Frontzeck: Ich mach es nicht so gerne, über Qualität zu reden. Er hat natürlich in dem Sinne Recht, dass wir natürlich wie die meisten Clubs auch nicht zwei Spieler adäquat ersetzen können, wenn zum Beispiel die Innenverteidigung mit Dante und Brouwers über einen längeren Zeitpunkt ausfällt. Wir haben Spieler dabei, die das spielen können und die das auch gezeigt haben, dass sie das spielen können, aber die natürlich noch nicht so stabil sein können, um das über einen längeren Zeitraum zu machen.

Deshalb ist es ja auch gerade so kompliziert und auch gerade am Freitagabend so kompliziert, weil wir jetzt wirklich junge Spieler auf dem Platz haben, die herangeführt werden sollten. Es ist für keinen Club, vielleicht für die ganz großen Clubs, möglich, zwanzig gleichwertige Spieler zu haben und jede Position ist doppelt besetzt. Das kann kaum eine Mannschaft.

Trotzdem tue ich mir immer schwer, weil ich mit den Jungs tagtäglich arbeite und ich weiß, woran es liegt. Wenn du die individuellen Fehler und jetzt mal das Spiel gegen Freiburg siehst. Der Cisse ist eigentlich im Moment der torgefährlichste Spieler der Liga. Er steht bei zwei Standardsituationen vollkommen blank. Das macht keiner extra, aber das ist natürlich ein stückweit Qualität, an der wir arbeiten und wo wir dazulernen müssen. Das ist natürlich gerade in dieser Phase, in der wir uns befinden, sehr schwierig.

Petra Koch: Du hast den Charakter der Mannschaft nie infrage gestellt. Es ist ihnen ja zweifelslos auch nicht abzusprechen, dass sie jedes Mal wollen. Dennoch müssen dich ja ein paar Situationen, wie zum Beispiel von Juan Arango und Raúl Bobadilla, maßlos ärgern, wenn ihr ja wisst, dass ihr vom Kollektiv lebt und die Spieler auch dringend braucht…

Michael Frontzeck: Gerade Raúl ist in aller Härte bestraft worden, weil es wirklich ein Spiel war, was wir gegen Hannover 96 eigentlich beherrscht, wo wir 1:0 geführt und wo wir eine Halbzeit lang zu zehnt gespielt haben. Es gibt Dinge, die gehen nicht. Es gibt überall, in jedem Beruf und im Privaten Grenzen, die man einzuhalten hat. Die sind verletzt worden und deshalb ist gerade Raúl in aller Härte bestraft worden, weil es natürlich in den achtzehn Monaten auch das ein oder andere gab.

Raúl war eigentlich auf einem ordentlichen, guten Weg und hat sich und natürlich auch der Mannschaft unglaublich geschadet. Arango ist sowas glaube ich in seiner ganzen Laufbahn noch nie passiert und ist auch dementsprechend bestraft worden. Was ansonsten Charakter und Einsatz angeht - da stelle ich mich nach wie vor, vor die Mannschaft. Ich habe noch nie in einer Mannschaft - in der ich seit der Jugend gespielt habe - , gesehen, dass jemand Fehler extra macht. Es ist Fakt - und das belegen auch gewisse Statistiken -, dass es natürlich bei uns im Moment auch so ist, dass der Gegner die Chance auch nutzt, sobald er eine hat.

Wir werden da für jeden Fehler, den wir machen, knallhart bestraft. Wir müssen halt diesen Turnaround schaffen, dass wir uns wirklich in eine Position bringen, wo wir das bestrafen, was der Gegner falsch macht. Ich habe das immer wieder betont: Wir sind nicht meilenweit davon entfernt, Spiele zu gewinnen, wir sind kurz davor - auch in dieser Personalsituation. Es ist ein harter und steiniger Weg, wo man nur geschlossen und gemeinsam durchkommt.

Petra Koch: Jetzt habt ihr Raúl Bobadilla zu Recht bestraft, wie ich finde. Trotzdem hat er ja gewisse Qualitäten. Wie holt man den jetzt wieder zurück? Irgendwann wollt ihr ja, dass er seine Qualitäten für den Verein auch wieder ausspielt. Was macht man da und wie holt man so einen Spieler wieder ab, der ja im Moment wahrscheinlich denken wird: Scheiß Frontzeck, scheiß Eberl, die haben mir 50.000 Euro abgeknüpft und lassen mit bei den Amateuren trainieren…

Michael Frontzeck: Das interessiert mich jetzt mal weniger. Ich glaube, dem Club und speziell mir kann keiner vorwerfen, dass wir mit Raúl nicht alles versucht und das wir uns nicht schützend vor ihn gestellt haben. Es ist für keinen jungen Spieler einfach, in ein neues Umfeld und in eine neue Liga zu kommen.

Wir haben ihm Zeit gegeben. Ich denke, über dieses Fehlverhalten, das auch in aller Härte bestraft worden ist,  gibt es keine zwei Meinungen. Mich interessiert es ehrlich gesagt jetzt im Moment auch nicht, wie wir weiter mit ihm verfahren, weil er sowieso erst Anfang Februar wieder zur Verfügung steht. Wir haben jetzt noch genügend Dinge zu tun, bevor der Weihnachtsmann kommt.

Petra Koch: 45 Gegentore ist eine Menge. Hast du mal zwischendurch überlegt, dass System zu ändern?

Michael Frontzeck: Ich überlege ständig. Es gibt immer verschiedene Ansätze, die man hat, aber wir haben ja eigentlich schon über das Grundproblem gesprochen. Wenn du ständig eine Viererkette aus welchen Gründen auch immer verändern musst, dann ist das schwierig und dann kannst du so viele Abwehrspieler in das System reinpacken, wie du willst.

Aber es ist für mich für am Wochenende gegen Hamburg ein Ansatz, mal ein stückweit was anderes zu machen und um den Spielern vielleicht was an die Hand zu geben. Ich weiß, dass sich die Spieler in dem System natürlich sehr wohl fühlen. Deshalb haben wir es auch über eine ganz lange Zeit gespielt, aber es ist jetzt natürlich aufgrund der Personalien eine Situation, eventuell mal das ein oder andere ein stückweit zu verändern.

Petra Koch: Ich kann mich an einen Trainer erinnern, den wir beide gut kennen und unter dem du Co-Trainer warst, der dann hinten auch gerne mal ganz altmodisch gespielt hat (Anm. d. Red.: Hans Meyer)…

Michael Frontzeck: Ja. Da werden wir nicht hinkommen. Da standen wir in der 2. Liga ganz unten und haben die ersten vier Spiele verloren. Dann hatten wir ein ganz wichtiges Spiel in St. Pauli, dann zu Hause gegen Köln und haben dann in dem System 3-5-2 mit Libero beide gewonnen. Das hat er dann aber glaube ich zum Winter wieder ausgewaschen und ist dann auf eine Viererkette umgestiegen. Das sind probate Mittel, aber dazu musst du natürlich auch das Personal haben.

Petra Koch: 10 Punkte, maximal 13. Mehr können es nicht mehr werden. Michael, dass wird ein Kraftakt für die Rückrunde…

Michael Frontzeck: Ohne Wenn und Aber. Das wird eine knüppelharte Rückrunde. Es ist objektiv so, dass wir natürlich von unseren Zielen entfernt sind. Wir haben gesagt, dass wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben wollen. Wir sind da unten richtig reingerutscht. Nichtsdestotrotz bin ich optimistisch.

Wenn man nach HSV einen Strich zieht und die siebzehn Spiele sieht, dann denke ich einfach, dass die Mannschaft das Potenzial hat, eine Serie zu spielen, die dazu ausreicht, die Klasse zu halten. Es sollte nur normal laufen. Aber ich glaube, dass in diesem letzten halben Jahr in der Hinrunde ungefähr alles gegen uns gelaufen ist, was gegen dich laufen kann. Es sollte nur normal laufen. Ich spreche nicht von Glück, ich spreche von harter Arbeit und von einer harten Rückrunde. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir die Liga halten werden.

Petra Koch: Wir haben schon viel über die Situation gesprochen. In so einer kommen auch viele, die wissen immer alles besser. Dabei sind auch viele Ex-Borussen. Günter Netzer hat sich zu Wort gemeldet ebenso wie Berti Vogts. Wie nimmst du diese Kritik wahr?

Michael Frontzeck: Ich denke, so wie jeder andere auch. Es ist ja außer Zweifel, dass gerade die beiden genannten unglaublich viel für den Club getan und gerade in den 70er Jahren mit den fünf deutschen Meisterschaften eine ganz erfolgreiche Ära gestaltet haben. Dass sie den Club so angehen ist verwunderlich.

Ich hab es so gehört, dass die Initiative es eigentlich vor hatte, nach dem Auswärtsspiel in Köln. Da hat es dann nach dem Sieg wahrscheinlich nicht so reingepasst, sondern sie haben dann gewartet, bis wir dann ganz unten angekommen sind und haben sich dann vorgestellt. Ich habe von diesen ganzen Rittern und Helfern 1999, als der Club finanziell und sportlich vollkommen am Boden lag, nichts gehört.

Ich habe aber Leute wie den leider zu früh verstorbenen Dr. Adalbert Jordan, den Herrn Königs und den Herrn Söllner gesehen, die diesen Club dann in die Hände genommen haben, ihn auf stabile Füße gestellt und eine Infrastruktur geschaffen haben, die es erst ermöglicht, in der 1. Liga irgendwo konkurrenzfähig zu sein. Das ist halt das, was schade ist. Aber die Initiative sollte die Mitglieder nicht unterschätzen, denn ich denke, das ist für jeden sichtbar, was geleistet worden ist.

Dass das ein steiniger, dorniger Weg ist, den wir gehen, weil wir halt nicht 30,40 Millionen Euro in einem Jahr investieren können. Es ist klar, dass das ein Weg der kleinen Schritte wird. Das Mitglied hat aber dann in der nächsten Mitgliederversdammlung die Chance, darüber abzustimmen und sich dafür zu entscheiden, ob sie einen Club haben möchten, der scheibchenweise verkauft wird, wo dann plötzlich das Stadion nicht mehr in grünen, sondern blauen Farben schillert.

Das sind alles Sachen, da sollten diese Leute der Initiative unsere Mitglieder nicht unterschätzen, weil ich glaube, dass da viel Herzblut dranhängt. Das wir jetzt mit 40.000 natürlich eine unglaublich große Zahl von Mitgliedern haben, die denke und hoffe ich das so sachlich und nüchtern sehen wie ich.

Ich sage es jetzt mal nicht als Gladbach-Trainer, sondern als Gladbacher. Ich bin hier groß geworden und sehe, was hier entstanden ist. Wenn ich sehe, was sich entwickelt hat, dann ist das aller Ehren wert. Und dann jetzt um die Ecke zu kommen und zu helfen, das hätte ich mir 1999 gewünscht. Aber da haben drei Leute ehrenamtlich das Ding übernommen und haben es aus meiner Sicht überragend gemacht.

Petra Koch: Die Kritik geht ja dahin das man sagt: Seit 1999 ist aber sportlich letztendlich kein großer Fortschritt zu sehen. Bei anderen Clubs. Wie vielleicht Hannover oder Mainz geht es halt im Moment anders voran…

Michael Frontzeck: Es gibt immer wieder Mannschaften, die einen Ausreißer haben. Es ist entscheidend, was nächstes Jahr ist. Ist Hannover in der Lage, das zu halten? Hannover hat den gleichen, wenn nicht einen höheren Etat als wir. Das darf man nicht vergessen. Aber es ist sicherlich richtig, dass wir nicht diese finanziellen Möglichkeiten haben, um in der Liga aus den unterschiedlichsten Gründen neun Mannschaften zu überholen.

Da sind die Werks-Clubs und da sind Clubs, die über Jahre in der Champions League spielen. Das meine ich ja mit dem dornigen Weg. Da musst du dich langsam hinbewegen und das kann dauern. Ich verstehe auch eine gewisse Unruhe, dass man sagt: Ja aber letztes Jahr hatten wir wirklich ein gutes Gefühl und jetzt haben wir gedacht, im nächsten Jahr greifen wir die obere Hälfte an. Das ist halt nicht planbar. Gerade auch nicht mit dem, was uns in dieser Hinrunde passiert ist.

Petra Koch: Ihr habt eine Philosophie, ihr arbeitet daran, die umzusetzen. Man hat ja immer nach Kontinuität gerufen. Das wollt ihr jetzt auch umsetzten. Wenn das schief gehen sollte, was wir nicht hoffen, dann ist das auch wieder falsch, nehme ich an. Ist das Fußballgeschäft so, dass es im Endeffekt immer irgendwie falsch ist, egal wie du es machst?

Michael Frontzeck: Ein ganz profanes Beispiel ist ja, dass dir jetzt vorgeworfen wird, dass du zu viele gelbe Karten hast. Wenn du die gelben Karten nicht hast, dann sagt derjenige: Ja aber ihr seid ja viel zu brav, ihr bekommt ja keine gelben Karten. Also du kannst es wenden wir du willst. Das ist ja auch das Interessante am Fußball. Wenn der Spieltag gespielt ist, dann hat jeder seine Meinung. Du kannst es aber keinem Recht machen. Du sollst es dir Recht machen, du solltest einen Weg haben, der für jeden klar ist und der auch ohne Wenn und Aber kritisiert werden kann, aber du solltest autonom entscheiden und das machen, wofür du stehst und das mit aller Überzeugung und egal, in welche Richtung.

Petra Koch: Sprechen wir noch mal über den HSV. Das ist das, was dich im Moment wahrscheinlich am meisten beschäftigt, weil es das nächste und das letzte Heimspiel vor der Winterpause ist. Du hast es eben schon angesprochen. Diesmal fallen hinten jetzt fast alle aus. Das heißt, das wird Improvisation?

Michael Frontzeck: Ja, wir müssen improvisieren. Mehr als jemals zuvor. Eine völlig neuformierte Innenverteidigung. Lassen sie sich mal überraschen. Es ist jetzt nicht so, dass da Jugendspieler auf dem Platz stehen werden, sondern es sind alles Profis, die auch den Anspruch haben sollen und haben, in der Bundesliga zu spielen. Das erwarte ich letztendlich am Freitagabend gegen den HSV, der sicherlich auch weit von den Zielen entfernt ist.

Da ist auch sehr, sehr viel Unruhe. Ich hoffe, dass es für den Gladbacher Zuschauer ein interessantes Spiel wird mit einem freudigen Ergebnis. Das wünsche ich mir wirklich, dass die Zuschauer zumindest mit einem Heimsieg nach Hause gehen und uns dann noch mal am Dienstag die Daumen drücken. Dann feiern wir alle Weihnachten.

Petra Koch: Du möchtest jetzt nicht darüber reden, wen du dahinten hinstellst, aber es gibt ja nun doch noch ein paar Möglichkeiten.

Michael Frontzeck: Nein, genau. Weil der Armin Veh aus Hamburg zuhört.

Petra Koch: Mit Sicherheit. Trotzdem. Es gibt ja noch ein paar Möglichkeiten. Jens Wissing links, Schachten rechts, Callsen-Bracker und Daems in der Innenverteidigung. Meeuwis kannst du hinten auch noch nehmen, oder auch Roman Neustädter.

Michael Frontzeck: Wir werden auf jeden Fall mit elf Mann auflaufen und wir werden auch achtzehn im Kader haben. Wie gesagt, es ist ein stückweit improvisieren, was das Wochenende angeht. Es ist zum Beispiel so: Wenn Jens Wissing auf dem Platz steht, dann ist das natürlich ein junger Spieler, der von Preußen Münster aus der 4.Liga kommt und der jetzt ein halbes Jahr dabei ist. Er hat ein Spiel gegen Werder Bremen gemacht und das auch gar nicht so schlecht, obwohl wir das Spiel verloren haben.

Das sind aber junge Spieler. Da hoffe ich natürlich drauf, dass sie für diese 90 Minuten absolut unterstützt werden. Sie brauchen diese Unterstützung der Zuschauer, dass sie sich wohl fühlen und dass sie auch die paar Prozent Nervosität frühzeitig verlieren. Dadurch muss natürlich jeder gehen, der auch als junger Spieler dann ins Feuer geworfen wird. Da musst du dich freischwimmen. Das musst du vor allen Dingen als geschlossene Mannschaft machen.

Petra Koch: Ich weiß, Gefühlsfragen sind nicht so dein Ding. Eine will ich trotzdem stellen. Wenn man so eine Hinrunde hat, wo halt viel Negatives rundum passiert ist - wie viel Spaß macht einem das Trainerdasein noch und wie sehr beschäftigt einen das? Ich glaube, wir müssen uns um deinen Gemütszustand keine Sorgen machen, aber es beschäftigt einen wahrscheinlich schon jeden Tag, oder?

Michael Frontzeck: Ja. Rund um die Uhr. Es gibt im Moment keinen Moment, wo ich nicht dran denke. Da ist es auch nicht möglich abzuschalten. Wir trainieren ja jetzt eigentlich seit drei Wochen durch und haben keinen freien Tag. Aber selbst wenn du einen freien Tag hast, kannst du nicht wirklich abschalten. Da muss man sich keine Sorgen machen. Ich weiß, dass es angenehmere Situationen in meinem Job gibt.

Diese Zeiten sind jetzt im Moment unangenehm, aber ich kann jetzt nicht empfinden, dass mir das weniger Spaß macht. Ganz im Gegenteil. Es ist für mich eine riesen Herausforderung, gegen diese Mechanismen anzugehen und letztendlich mit dem Club erfolgreich zu sein und sich dieser Aufgabe und Verantwortung mit Haut und Haar, auch wenn nicht mehr viel Haar da ist, wirklich zu stellen.

Petra Koch: Dann wünsche ich dir drei Punkte und dann ein hoffentlich erfolgreiches Bestehen in Hoffenheim. Dann hoffe ich, dass wir dann im nächsten Jahr noch mal hier sitzen. Danke für den Besuch, trotz schwerer Zeiten.

Michael Frontzeck: Danke. Das wäre eine tolle Sache.


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