Interview mit dem 1.Vorsitzenden des Mönchengladbacher Fanprojekts
Bei Borussia Mönchengladbach weht in diesen Tagen nicht nur aufgrund der Jahreszeit ein eisiger Wind. Tabellenletzter der Fußballbundesliga, drei Borussen-Ikonen „duellieren“ sich und die „Initiative Borussia“ fordert aufgrund von veralteten Strukturen Satzungsänderungen im Verein. Alles Tatsachen, die gerade an den treuen Anhängern des VfL alles andere als spurlos vorbei gehen. „Support-Boykott“ gegen Freiburg war eine Konsequenz. Wir haben uns mit dem 1.Vorsitzenden des Mönchengladbacher Fanprojekts unterhalten.
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| Thomas Ludwig - Vorsitzender des Fanprojekts im Gespräch (Foto: Andreas Plum / Fohlen-Hautnah.de) |
Fohlen-hautnah: Thomas, wir wollen zunächst über dich sprechen. Du bist seit 1991 im Mönchengladbacher Fanprojekt und stehst seit 1994 ehrenamtlich der Dachorganisation der Gladbach Fans vor. Eine lange Zeit, in der du sicherlich viele Höhen und Tiefen miterlebt hast. Wenn du jetzt ein Fazit deiner bisherigen Amtszeit ziehen müsstest, wie würde dieses ausfallen und was hat sich über die Jahre in deiner „Arbeit“, aber auch in der Fanszene im Allgemeinen ge- bzw. verändert?
Thomas Ludwig: Das Fazit ist trotz der Höhen und Tiefen im sportlichen Bereich durchweg positiv. Alle Ziele, die sich unsere Urväter 1988 bei der Gruendung des FP gesetzt hatten, wurden von uns umgesetzt. Es gibt hierzu kein besseres Feedback als zum Beispiel von Mitgliedsnummer 1, Jürgen Nickel, der immer mit glänzenden Augen im FanHaus steht und es richtig klasse findet, was wir erreicht haben.
Zu den Veränderungen: Unsere ersten Meilensteine waren die erfolgreiche Lobbyarbeit hinsichtlich der Vertretung von Faninteressen gegenüber Borussia und der Politik. Nachdem wir 1996 vom Innenministerium NRW die offizielle Anerkennung für unsere Art des Fanprojektes „von Fans für Fans“ bekommen hatten und damit verhindern konnten, dass es ein sozialpädagogisches FP in MG nach den Vorgaben des Nationalen Konzeptes für Sport und Sicherheit (NKSS) geben muss, sowie wir zu Beginn des Jahres 1997 einen neuen Kooperationsvertrag mit Borussia geschlossen hatten, indem erstmals klar formuliert wurde, das wir die einzige, von Borussia anerkannte Dachorganisation der Borussiafans sind, waren die grundlegenden Rahmenbedingungen für den Aufbau des heutigen FPMG Supportersclub gelegt.
Diesen Prozess hatte ich damals eng begleitet, ebenso den Aufbau des Fanladens am Eickener Markt. Als Student hatte ich die nötige Zeit dazu. Im Fanladen bildete sich 1998 der treue Kern der Fans, die unter dem Motto „WIR sind Borussia“ 1999 den ersten bitteren Gang in Liga 2 antreten mussten. Wir waren damals das Faustpfand für die Lizenzerteilung für die sportlich und wirtschaftlich am Boden liegende Borussia.
Mit dem Abstieg musste ich mir einen ordentlichen Beruf suchen, da mein Berufstraum, als Ingenieur im Stadionbau eingebunden zu werden, zu diesem Zeitpunkt wie eine Seifenblase geplatzt war. Mit meinen nun einsetzenden beruflichen Verpflichtungen reduzierte sich natürlich die freie Zeit für das FPMG langsam aber sicher und spätestens nach dem Umzug in den Nordpark habe ich mich aus dem operativen Tagesgeschäft des FPMG herausziehen müssen.
Mein Schwerpunkt liegt seit dem bei der strategischen Weiterentwicklung des FP und der Arbeit in der bundesweit aktiven Vereinigung „Unsere Kurve“. Aussedem fühle ich mich mit meinen Kollegen des Präsidiums als „Hüter des heiligen Grahls“, der Fankultur, was ich regelmäßig mit meinen Artikeln in der Fanzine „Nordkurve“ dokumentiere.
Die Fankurve veränderte sich nach dem Umzug in den Borussia-Park grundlegend. Die 14.000 Stehplätze werden spätestens seit der WM 2006 auch von einem Eventpublikum bevölkert. Leidenschaft wurde bei den neuen Stadiongängern abgelöst durch „dabeiseinwollen“. Fussballfan zu sein hat seit der WM in Deutschland nicht mehr einen negativen Ruf in der Gesellschaft, sondern war plötzlich Hipe. Darüber hinaus provozierte die zunehmende Kommerzialisierung im Fussball die Ultrabewegung. Eine ganz neue Auslebeform im Fandasein hielt Einzug ins Stadion.
Fohlen-hautnah: Nach all den Jahren, in denen du ja sicherlich auch beruflich und privat stark eingebunden bist - kommt da so etwas wie Amtsmüdigkeit auf?
Thomas Ludwig: Auf gar keinen Fall. Das was geschaffen wurde, muss ständig verteidigt werden. Es bereitet mir nach wie vor Freude, meine Erfahrungen und Ideale weiterzugeben, um gemeinsam mit den Aktivisten des FPMG diesen Kampf anzunehmen. Ausserdem habe ich seit 1999 nur 2 Spiele aus beruflichen Gründen nicht live im Stadion verfolgen können. Solange ich das so einrichten kann sehe ich keinen Grund, mich zurückzuziehen.
Fohlen-hautnah: In deine Amtszeit fällt auch die Installierung eines hauptamtlichen Geschäftsleiter-Fanbetreuung. Matthias „Matthes“ Neumann füllt diesen Posten seit August 2009 aus. Wie bist du/wie ist das FPMG mit seiner Arbeit zufrieden bzw. läuft es so, weshalb ihr ihn eingestellt habt und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Borussia generell?
Thomas Ludwig: Wir haben uns bewusst für Matthes entschieden, da er die Philosophie des FPMG seit vielen Jahren kennt und mitgestaltet hat. Es war wichtig, im Tagesgeschäft dem FPMG wieder ein Gesicht zu geben, da die Doppelrolle von Tower (Fanbeauftragter des Vereines und Geschäftsführer FP) die Außenwelt, insbesondere die Boulevardpresse, einfach überforderte.
Ich bin sehr zufrieden damit, wie „Matthes“ seine Rolle ausfüllt, insbesondere, dass er mit der Jugendarbeit einen neuen wichtigen Schwerpunkt ausbaut. Borussia ist auch froh, im Tagesgeschäft wieder einen klaren Ansprechpartner des FPMG zu haben. Die Zusammenarbeit mit Borussia generell ist respektvoll und partnerschaftlich.
Fohlen-hautnah: Du sprachst von einer respektvollen und partnerschaftlichen Zusammenarbeit. Besteht dennoch aufgrund der Tatsache, dass Borussia euch 83.000 Euro geliehen hat, eventuell eine gewisse Art „Abhängigkeit“?
Thomas Ludwig: Die Summe war eine Vorfinanzierungshilfe für den Bau des FanHauses und des Bolzplatzes. Das sind ja reelle Gegenwerte, weshalb es falsch wäre von Schulden zu sprechen. Wir haben hier absolut keine Einschränkungen in unserer Unabhängigkeit. Ganz im Gegenteil.
Wir geben zum Beispiel der Postbank in der Nordkurve nach wie vor Tipps zur Trikotgestaltung, geben medienwirksam Unterschriften zum Erhalt der „50+1“-Regel ab und die Bande an der Nordkurve ist weiterhin schwarz-weiß. Das Vertrauen haben wir uns über die Jahre erarbeitet und ich musste deswegen noch nie bei Stephan Schippers oder Rolf Königs „antanzen“.
Fohlen-hautnah: Kommen wir zum aktuellen Tagesgeschehen. Die Niederlage in Freiburg hat die sportlich prekäre Situation noch verschärft. Das FPMG hat in der Nachbetrachtung auf dieses Spiel auf einen Artikel von Seitenwahl.de verwiesen. Eine vielleicht nicht alltägliche „Nachberichterstattung“…
Thomas Ludwig: In der jetzigen Situation rücken alle Fans, denen Borussia am Herzen liegt eng zusammen und somit kreisen die gleichen Gedanken um das Thema in unseren Köpfen. Da auf Seitenwahl bereits stand, was auch unseren Gedanken entsprach, haben wir uns verlinkt.
Fohlen-hautnah: Bisher haben die Fans, obwohl die Borussia in keiner einfachen Situation ist, immer hinter der Mannschaft gestanden. Nun hatte der Block1900 im Vorfeld der Partie in Freiburg zu einem „Support-Boykott“ aufgerufen und sich vorbehalten, Ähnliches auch gegen den Hamburger SV zu tun. Kannst du das nachvollziehen und wie stehst du bzw. ihr als FPMG dazu?
Thomas Ludwig: Auch hier gilt das zuvor Gesagte: Die wahren Fans, die mit dem Herzen bei Borussia sind, rücken zusammen. Daher haben wir auch den Aufruf vom Block1900 auf unsere Homepage gesetzt. Die Mannschaft an ihre Tugenden zu erinnern, die sie verkörpern wollen, ist absolut legitim. Es wurde genug geredet, zum Beispiel vor dem Derby mit dem Mannschaftsrat. Jetzt ist die Mannschaft gefordert.
Fohlen-hautnah: Es war im wahrsten Sinne des Wortes ein stiller Prostest, bei dem es also erfreulicherweise zu keinerlei Auseinandersetzungen oder dergleichen kam. Was könnt ihr in solch einer Situation, wo die Fans quasi „die Schnauze voll“ haben, tun bzw. wie könnt ihr auf die Fans einwirken?
Thomas Ludwig: In solchen Situationen ist es wichtig, nah am Puls der Fans zu sein und gewaltfreie Aktionen zu unterstützen bzw. einzuleiten. Die Fans brauchen ein Ventil um ihren Unmut äußern zu können. Unsere Aufgabe ist es, dieses Ventil zu bieten und eine kontrollierte Situation herbeizuführen, bei der keiner zu Schaden kommt.
Fohlen-hautnah: Wie beurteilst du persönlich die derzeitige sportliche Situation?
Thomas Ludwig: Sehr kritisch, da der Abstand zu den anderen Abstiegskandidaten anwaechst. Aber noch nicht hoffnungslos. 1998 und 2009 haben gezeigt, was möglich ist, wenn man an sich glaubt.
Fohlen-hautnah: In dieser wird auch der Druck auf Michael Frontzeck größer…
Thomas Ludwig: ... so ist das Geschäft.
Fohlen-hautnah: Kommen wir zu einem anderen „Nebenkriegsschauplatz“. In der vergangenen Woche hat die „Initiative Borussia“ auf sich aufmerksam gemacht. Grundlegende Satzungsänderungen werden gefordert. Das PFMG hat sich bereits kurz zu diesem Thema geäußert und nach weiterer Recherche eine ausführliche Stellungnahme angekündigt. Kannst du eine solche zum gegenwärtigen Zeitpunkt schon abgeben, wie ist deine Meinung bzw. die Meinung des FPMG zu dieser „Initiative“?
Thomas Ludwig: Die „Initiative“ hat sich inzwischen direkt mit einem Brief bei mir gemeldet. Unser Terminvorschlag ist der 23.01.11. Ich habe sie eingeladen, sich vor dem Leverkusenspiel mit unserem Präsidium auszutauschen. Erst dann werde ich mir eine abschliessende Meinung von ihr bilden können.
Fohlen-hautnah: Die Personen der „Initiative Borussia“ haben sich also mit einem Schreiben an dich bzw. dem FPMG gewandt, um ihre Vorhaben zu erläutern und um mit euch zu diskutieren. Wie bewertest du dieses „Händereichen“ generell?
Thomas Ludwig: Ich finde es immer richtig direkt zu kommunizieren. Ich sehe dies nicht als Händereichen, sondern als Möglichkeit des Austausches. Insbesondere auch für uns, der Initiative die Struktur der Fanarbeit nahezubringen. Die ersten Äußerungen seitens der Initiative in unsere Richtung lassen den Schluss zu, dass es hier noch Aufklärungsbedarf gibt, wer wir überhaupt sind.
Fohlen-hautnah: Mit welchen Punkten geht ihr dennoch vielleicht schon im Vorfeld konform? Unter anderem ist von der Aufnahme eines Fanvertreters in den Aufsichtsrat die Rede…
Thomas Ludwig: Hier verweise ich auf das ausstehende Gespräch am 23.01.11. Vorher wird es dazu keine Stellungnahme geben.
Fohlen-hautnah: In diesem Zusammenhang ist jedoch ein Beitrag von Bumsi in Bezug auf die Personen nicht überall angekommen…
Thomas Ludwig: Bumsi ist lange genug im Geschäft und hat absolute Redefreiheit. Satire wird übrigens im normalen Leben mit einem müden Lächeln quittiert…
Fohlen-hautnah: Dazu meldeten sich auch die Borussia-Ikonen Berti Vogts und Netzer zu Wort...
Thomas Ludwig: Wir leben in einem Land mit dem Grundgesetz der Meinungsfreiheit. Das gilt für alle, auch für Bumsi…
Fohlen-hautnah: Am kommenden Samstag findet ein Workshop zum Thema „Zukunft der aktiven Fanszene/Zukunftsvision des Fanprojekts statt. Ohne vielleicht zu viel zu verraten… Wie stellt ihr euch vorab die Zukunft vor bzw. was sind eure Visionen?
Thomas Ludwig: Hier schon was Konkretes zu sagen, würde dem Workshop-Ergebnis vorgreifen. Der Sinn des Workshops ist es ja gerade, die Visionen gemeinsam mit den Fans zu entwickeln. Meinen Wunsch für die Zukunft kann ich allerdings äußern: Er ist, dass wir unseren gesellschaftspolitischen Auftrag weiter erfüllen können, sprich die Gewalt aus den Stadien fernzuhalten und die Fankultur zur Wertevermittlung an die nachfolgenden Fangenerationen erhalten zu können.
Fohlen-hautnah: Eine abschließende Frage. Mit welchen Gefühlen gehst du in die abschließende Partie gegen den HSV und was macht dich/euch im FPMG zuversichtlich, dass die derzeit angezählte Borussia wieder aufsteht und den Karren aus dem Dreck zieht?
Thomas Ludwig: Mit der Hoffnung, dass der HSV genauso angeschlagen ist und wir mit Kampf und Einsatz den ersten Heimsieg einfahren. Die Zuversicht auf bessere Zeiten, wie oben schon erwähnt, ziehe ich daraus, dass wir es 1998 und 2009 schon mal geschafft haben, von der Schippe zu springen.






