Internationales Geschäft in Reichweite
Das alles muss man erst einmal schaffen: Die Bayern zweimal in einer Saison schlagen, ihnen die bisher höchste Niederlage einschenken. Den Rekordmeister so stark zur Verzweiflung bringen, dass sie den Grund für ihre Niederlage in den angeblich schlechten Platzverhältnissen zu suchen beginnen. Und eine noch vor einem Jahr als Schießbude belächelte Abwehr zur stärksten Defensive der Liga umwandeln. Das alles ist Borussia Mönchengladbach in diesen Tagen und Wochen.
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| Könnte schon bald Realität werden - Der Traum von Europa. Foto: Dirk Päffgen, für Fohlen-Hautnah.de |
Tatsächlich macht der VfL tatsächlich dort weiter, wo er zur Winterpause aufhörte. Die Wundertruppe von Lucien Favre hat sich weder vom Wechseltheater um Marco Reus, noch von den selbstbewussten Sticheleien der Münchner oder gar von irgendwelchen herbeigeredeten Auflösungserscheinungen irritieren lassen und geht weiter unbeeindruckt aber beeindruckend ihre fußballerischen Wege in Richtung ungeahnter Erfolge.
»Wir haben gezeigt, dass wir diesen ganzen Druck, der von außen auf uns hereingeprasselt ist, stand gehalten haben«, sagte Mike Hanke nach dem Sieg gegen Bayern und ergänzte: »Wir haben das alles nicht zu nahe kommen lassen und das beweist wieder unsere Klasse und zeigt, dass wir einiges aushalten können«.
Was bitte war das gegen den FC Bayern München zum Rückrundenauftakt für eine unglaubliche Vorstellung und was für eine tolle spielerische Taktik von 'Taktikfuchs' Lucien Favre, von der die Mannschaft im gesamten Spiel, in keiner Sekunde, keinen Millimeter abließ? »Wir mussten über Konter kommen, weil Bayern natürlich das Spiel macht. Ich denke, wir haben es dreimal überragend gemacht«, konstatierte Reus. »Der Trainer hat uns hervorragend eingestellt«.
Sicherlich war es zu erwarten, dass der FC Bayern mit seiner spielerischen Klasse vor allem auf Ballbesitz setzt, um das Spiel kontrolliert aufzubauen. Auch in diesem Spiel kamen sie auf nennenswerte 67 Prozent Ballbesitz. Die Antwort auf eine solche Taktik kann nur sein, dem Gegner mit einer kompakten Defensive aller Feldspieler und blitzschnellen Kontern entgegenzutreten. Man muss kein Genie sein, um darauf zu kommen.
Aber dass die Borussia diese Spielweise so konzentriert und abgebrüht durchzusetzen in der Lage ist, überraschte trotz toller vergangener Vorstellungen in der Hinrunde. Somit bleibt, ob man will oder nicht, zu konstatieren, dass Lucien Favre scheinbar für jede Situation eine adäquate Lösung parat hält. Erst zwölf Gegentreffer hat Mönchengladbach in dieser Saison zugelassen, kein anderer Bundesligist ist defensiv besser.
Seit Mitte Februar des vergangenen Jahres, als der Schweizer übernahm, ist es nur zwei Gegnern gelungen, mehr als ein Tor gegen die Borussia zu erzielen. An dieser Stelle darf man dann auch gerne den ‚Spiegel zitieren, der sich einer Sache gewiss ist: »Die gemeinschaftliche Arbeit bei gegnerischem Ballbesitz, die die Borussia leistet, ist seit Monaten konstant europapokalwürdig«.
»Und weil der Gladbacher Erfolg nicht Folge einer Euphoriewelle ist, sondern all den positiven Ergebnissen ein fußballerisches Konzept zugrunde liegt, ist ein Einbruch der Leistung des Teams in der Rückrunde unwahrscheinlich«, schreibt das Blatt weiter. »Ein Negativtrend über einen längeren Zeitraum ist auch deshalb kaum zu erwarten, weil die Gladbacher über eine bemerkenswerte Nervenstärke verfügen«.
Angesichts dieser nicht unrealistischen Feststellung, wirkt die dauernd wiederholte Aussage der Borussen-Truppe auf die Frage über die Zielsetzung des VFL für diese Saison »Wir schauen weiter von Spiel zu Spiel« langsam aber sicher eher ‚belustigende' Phrase bzw. als Understatement. Trotz all dem ist aber festzuhalten, dass sich die Mannschaft auch außerhalb des Feldes absolut professionell und vorbildlich verhält. Von Überheblichkeit ist nicht der Hauch einer Spur zu finden. Nicht der Ansatz einer Zwistigkeit oder irgendwelcher Verstimmungen innerhalb des Teams sind auszumachen.
Berti Vogts ist sich diesbezüglich sicher, dass es daran liegt, dass Favre »nur Spieler mit Charakter spielen lässt«, andere glauben, dass der VfL-Coach mit diktatorischer Durchsetzungsgewalt den Spielern alle Antworten auf die Fragen der Journalisten mit akribischer Genauigkeit vorschreibt.
Man darf aber durchaus der Auffassung oder Meinung sein, dass der Schweizer Wundertrainer mit seiner Art, Dinge mit einem gewissen emotionalen Abstand zu sehen, der für professionelle Objektivität notwendig ist, den Geist der Mannschaft trifft. Nach der verkorksten letzten Saison wissen die Spieler genauso gut wie der Schweizer nach seiner Erfahrung in Berlin, dass Stimmungen schnell umschlagen können. Die Stimmen, die dich heute in eine Euphorie hochzureden versuchen, können dich schon morgen wieder in den tiefsten sportlichen Abgrund herunter spotten, wenn für einige Zeit doch noch der Erfolg ausbleiben sollte.
Deswegen versucht Lucien Favre ständig jeden Hochmut im Keim zu ersticken und begegnet jedem Journalisten mit den geschickten Argumenten, dass Gladbach trotz allem zwar immer noch in einer Entwicklungsphase steckt und noch lange kein Top-Team ist, aber von Spiel zu Spiel besser geworden ist und sich perfekt auf die Gegner einstellt.
Obwohl Gladbach eine tolle Leistung zeigte, meint Favre seine Bestätigung auch im Spiel gegen FC Bayern München gefunden zu haben. »Eine Spitzenmannschaft braucht unbedingt mehr Ballbesitz«, sagte er und sprach damit die Tatsache an, dass seine Spieler vor allem im zweiten Durchgang die Bälle fast ausnahmslos lang nach vorne spielten, dort kaum sichern konnte und sich prompt dem nächsten Angriff der Münchener ausgesetzt sah.
Dennoch ist das kein Grund, die überragende Leistung der Fohlen zu schmälern. Über die Tore durch Marco Reus und Patrick Herrmann, den Patzer von Manuel Neuer und die Top-Leistung der Borussen-Abwehr, allem voran von Dante-Vertreter Roel Brouwers wurde schon zu Genüge berichtet. Vergessen darf man hierbei aber nicht das tolle Spiel der „Doppel-6" Roman Neustädter und Håvard Nordtveit, die wieder einmal die meisten Kilometer zurückgelegt haben.
Mit enormen Laufpensum und tollem Stellungsspiel haben sie das offensive Mittelfeld der Bayern nahezu ausgeschaltet. Von Schweinsteiger, Müller oder Robben war über das gesamte Spiel fast nichts zu sehen. Das sind Leistungen, die man trotz aller Bescheidenheit Favres anerkennen ‚muss' und durchaus auch darf. Dazu kommen noch die hohe Motivation und die tolle emotionale aber auch kameradschaftliche Einstellung der Truppe, die sie durch jede Pore ausstrahlt.
Wo denn die größte Stärke dieser Mannschaft liege, wurde Patrick Herrmann nach dem Spiel gefragt. »Der Zusammenhalt, das Spiel miteinander und der Kampfgeist, den wir im Moment haben. Und wir spielen guten Fußball«, kam die Antwort des Doppeltorschützen fast wie aus der Pistole geschossen. Wenn der VfL zu all dem irgendwann auch noch in der Lage ist, mehr Ballbesitz gegen einen FC Bayern zu besitzen, wo soll dann der Weg hinführen, außer in Richtung Erfüllung von Träumen und geradewegs ins internationale Geschäft und dabei sogar in die Champions-League?
Auch wenn es bis dahin noch ein weiter Weg ist, so sollten zwölf Punkte Vorsprung auf den ersten nicht internationalen Tabellenplatz sieben, den derzeit Hanover 96 belegt, ausreichen, um auch am Ende auf einem der begehrten Plätze zu stehen. In der derzeitgen Verfassung darf man davon durchaus ausgehen und mehr als nur träumen.
»Borussia spielt im nächsten Jahr europäisch«, ist derweil Bayern-Coach Jupp Heynckes überzeugt und ist der Meinung: »Was Borussia bisher erreicht hat, ist außergewöhnlich«. All dem kann man ohne Zweifel zustimmen und dem ist nichts hinzuzufügen. Die Realität ist jedenfalls mehr denn je zum Greifen nah...









